Aktuelle authentische LGBTQIA+-Kurz- und Dokumentarfilme aus ganz Indien erobern auch in der 23. Ausgabe des Indischen Filmfestival Stuttgart vom 23. bis 26. Juli die Leinwände der Innenstadtkinos Cinema und EM. Das größte Festival seiner Art in Europa ist wiederum Kooperationspartner von Stuttgart PRIDE.
Die diesjährigen queeren Highlights zeigen eindrucksvoll, wie indische Filmemacher*innen Tabus brechen und unterdrückten Stimmen Gehör verschaffen.
Der preisgekrönte, offen schwule Regisseur Onir gilt als einer der wichtigsten Pioniere des queeren Kinos in Indien. Bereits 2005 setzte er mit My Brother… Nikhil einen Meilenstein im Umgang mit Homosexualität und HIV. Mit seinem neuen Kurzfilm ‚Tumhari Khushboo – Your Fragrance‘ (Kurzfilmblock 2, Freitag, 24. Juli, EM2) wagt er sich an eine seltene, höchst sensible filmische Kreuzung: die Schnittstelle von Queerness und Behinderung.
Angesiedelt im lebhaften Treiben von Mumbai folgt der Film Sunil, einem sehbehinderten Masseur, und Kamran, einem Sportlehrer, der als Klient in sein Leben tritt. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine tiefgehende Intimität, die völlig ohne visuelle Reize auskommt.
Ihre Annäherung definiert sich rein über Berührungen, Gerüche und Klänge. Onir, der auch in den zurückliegenden Jahren regelmäßig im Programm des Stuttgarter Festivals war, setzt auf kompromisslose Authentizität. Während der bekannte Schauspieler Barun Sobti den Sportlehrer verkörpert, wird Sunil von dem tatsächlich sehbehinderten Darsteller und Musiker Shashi Bhushan gespielt. Der Film bricht mit gängigen Vorurteilen und zeigt, dass Begehren, sexuelle Selbstbestimmung und emotionale Verwundbarkeit universell sind.
Die zweite Filmempfehlung: ‚Jasmine – That Blooms in Autumn‘ von Chandradeep Das (Kurzfilmblock 3, Freitag, 24. Juli, 18 Uhr, EM2). Liebe im Alter ist im Kino ohnehin selten – lesbische Liebe im Spätstadium des Lebens im konservativen Indien grenzt an ein unsichtbares Thema. Der Regisseur Chandradeep Das, der aus einer renommierten indischen Filmdynastie stammt, bricht dieses Schweigen mit einem meisterhaften, 15-minütigen Werk. In einem sichtlich heruntergekommenen Seniorenheim in Kolkata (Kalkutta) funkt es zwischen den beiden Heimbewohnerinnen Meera und Indira. Umgeben von den starren, moralischen Mauern der Gesellschaft und dem allgegenwärtigen Patriarchat müssen sie ihre Zuneigung im Geheimen leben. Sie tauschen heimlich Briefe und kleine Geschenke aus. Doch während ihre Liebe aufblüht, schwingen auch die leisen Ängste vor Entdeckung und gesellschaftlicher Ächtung mit. Der Film ist eine behutsame, visuell poetische Erzählung über stille Rebellion und die unvergängliche Würde des Gefühls. Er beweist, dass queerer Widerstand keine Frage des Alters ist und oft in den kleinsten, alltäglichen Gesten liegt.
Der dritte Tipp: ‘Bride of Aravan’ von Lesley Branagan und Yatra Srinivassan (Dok-Block 5, Samstag, 25. Juli, 11 Uhr, EM2). Diese 48-minütige, ethnografische Dokumentation wirft einen faszinierenden Blick auf die Verwebung von jahrhundertealter religiöser Tradition und moderner Trans-Identität im Süden Indiens. Die Kamera begleitet das berühmte Koovagam-Festival im Bundesstaat Tamil Nadu. Einmal im Jahr strömen Tausende Hijras (das traditionelle dritte Geschlecht in Indien) und gender-nonkonforme Menschen dorthin, um rituell als Bräute des Gottes Aravan aufzutreten und einen altindischen Mythos nachzustellen. Im Zentrum des Films steht die Trans Aktivistin Bhavadharini. Der Film fängt den scharfen Kontrast ein: Während die Frauen auf dem Festival spirituelle Verehrung und ekstatische Freiheit erfahren, wartet im Alltag außerhalb der Tempelmauern harte Diskriminierung und sozialer Ausschluss auf sie.
Die australische Anthropologin und Filmemacherin Lesley Branagan arbeitete jahrelang eng mit der lokalen Trans-Community zusammen. Das Skript entstand in direkter Absprache mit den porträtierten Frauen, was dem Film eine seltene, nicht-voyeuristische Tiefe verleiht.
Weitere Festival-Highlights: Neben rein queeren Stoffen rückt das Festival weitere progressive, gesellschaftspolitische Themen in den Fokus: ‚Saath Paar Zindagi – Life Beyond 60‘ vom renommierten Dokumentarfilmer Haider Khan läuft am Freitag, 24. Juli im Dok-Block 1, 12 Uhr, Cinema. Diese mehrfach ausgezeichnete Dokumentation setzt fünf bemerkenswerten Frauen im fortgeschrittenen Alter ein filmisches Denkmal. Zu den Porträtierten gehört unter anderem die berühmte Trans-Aktivistin und Volkstänzerin Manjamma Jogati, die als erste Trans-Frau mit dem renommierten Padma Shri-Orden geehrt wurde. Sie widmet ihr Leben dem rituellen Volkstanz Jogathi Nritya aus dem Bundesstaat Karnataka. Ein kraftvolles Werk über Mut und gesellschaftlichen Wandel.
‚Jilipibalar Bondhura – Friends of Jilipibala‘ von der queeren Regisseurin Debalina Majumder wird im Kurzfilmblock 5 am Sonntag, 26. Juli, 13 Uhr im Cinema gezeigt. Das als Berlinale Talents-Projekt geförderte Werk begleitete über zwölf Jahre hinweg das Mikro-Ökosystem rund um einen historischen Tamarindenbaum in Kolkata. Durch die Augen eines Kindes und der lokalen Tierwelt dokumentiert der Film den Überlebenskampf der Natur gegen urbane Zerstörung – eine subtile Parallele zu den sozialen Verdrängungsprozessen in Indiens Metropolen.
Kultur pur: Warum die Originalfassung zählt
Ein besonderes Qualitätsmerkmal des Indischen Filmfestival Stuttgart ist die bewusste Absage an westliche Sehgewohnheiten. Die Filme laufen fast ausschließlich in ihren Originalfassungen (z. B. in Hindi, Malayalam oder Bengali) mit englischen Untertiteln.
In Zeiten globalisierter Streaming-Einheitskost bewahrt das Festival so die sprachliche und kulturelle Authentizität des Subkontinents. Wer Kino sucht, das jenseits von glitzernden Bollywood-Klischees politisch brennt, tief berührt und formal neue Wege geht, sollte sich die Termine im Juli rot im Kalender markieren.
Adrenalin-Kino made in Mollywood
Nicht der Branchen-Riese Bollywood, sondern das grellere, lautere und sozialkritischere südindische Mollywood-Kino gibt beim 23. Indischen Filmfestival Stuttgart vom 23. bis 26. Juli den Ton an. Das Publikum darf sich auf ein kunterbuntes Programm mit spektakulären Szenen, raffinierten Twists, menschlichen Abgründen, politischen Untertönen, atemberaubenden Landschaften, farbintensiven Bildern und melancholischen Momenten aus der Filmwelt der Malayalam-Industrie freuen. Globalisierung, Identität und Tradition liefern den Stoff für das Adrenalin-Kino made in Mollywood.
Im Mollywood-Kosmos erwartet das Publikum die erste Malayalam-Superheldin, ein gefeierter Superstar als tollpatschiger Boxer, ein angesagter Newcomer als Rocksänger und ein gejagter mysteriöser Hundezüchter.
Qualität und Vielfalt trotz verschlankter Ausgabe
Das 23. Indische Filmfestival Stuttgart dauert diesmal knapp vier Tage vom 23. bis 26. Juli. Die kompaktere Ausgabe ist eine Anpassung an die gekürzten Fördermittel der Stadt Stuttgart. Trotz verschlankter Form bleiben inhaltliche Qualität und Vielfalt des Programms erhalten: Mehr als 70 gesellschaftspolitische Spielfilme, hochkarätige Debüts, trotzige Visionen sowie intensive dokumentarische Porträts über einen Vielvölkerstaat, der von Gegensätzlichkeiten lebt und Culture Clash garantiert. Den Zuschauern begegnen eine Elefantenflüsterin, der letzte Henker Indiens und viele Menschen, die das Tor zu einer fremden Welt öffnen. Erstmals gab es Warm Ups im Vorfeld mit Kooperationspartnern, wie dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Die Vorfreude auf Europas größtes indisches Filmfestival im Herzen der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist groß.
Bildgewaltiger Thriller zur Eröffnung
Mit Dinjith Ayyathans bildgewaltigem Thriller ‚Eko – From the Infinite Chronicles of Kuriachan‘, der die nervenaufreibende Suche nach einem geheimnisvollen Hundezüchter in Zentral-Kerala erzählt, startet das 23. Indische Filmfestival Stuttgart am Donnerstag, 23. Juli, in den Stuttgarter Innenstadtkinos
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